Presse-Information

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14.05.2006

Ansprache anläßlich der Eröffnungssitzung der 28. ACHEMA am Sonntag, dem 14. Mai 2006 in Frankfurt/Main

Es gilt das gesprochene Wort.

Dr. Alfred Oberholz
Vorsitzender der DECHEMA
Stellvertretender Vorstandsvorsitzender
der Degussa AG

Verehrte Frau Bundesministerin Schavan,
verehrte Frau Oberbürgermeisterin Roth,
sehr geehrter Herr Staatsminister Rhiel,
Exzellenzen und Präsidenten,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute schlagen wir ein weiteres Kapitel in der Erfolgsgeschichte der ACHEMA auf. Als weltweit größtes Forum der Prozeßindustrien zeigt sich hier die Innovationskraft unserer Branche in einzigartiger Weise. Gleichzeitig ist die ACHEMA ein Spiegelbild der internationalen weltwirtschaftlichen Entwicklung.

Damit begrüße ich Sie im Namen der DECHEMA sehr herzlich zur Eröffnung der 28. ACHEMA. Sie ist übrigens – verehrte Frau Roth – seit 1937 die 21. ACHEMA, die regelmäßig hier in Frankfurt am Main stattfindet. Mein ganz besonderer Dank gilt dem Orchester der Südthüringischen Staatsoper Meiningen und seinem Generalmusikdirektor, Herrn Alan Buribayev, die uns soeben mit dem Vorspiel zu den Meistersingern von Nürnberg von Richard Wagner auf die ACHEMA eingestimmt haben – auch dies eine Tradition, die wir seit 1927 pflegen. Ein herzlicher Willkommensgruß gilt zudem den zahlreichen Referenten unseres Kongreßprogramms.

In den letzten 70 Jahren hat die ACHEMA ein imponierendes Wachstum an den Tag gelegt. 1937 startete sie mit 416 Ausstellern, bei der letzten ACHEMA im Jahr 2003 waren es 3.819. Obwohl sich durch den Konzentrationsprozeß in der Wirtschaft die Zahl unserer potentiellen und tatsächlichen Aussteller verringert, können wir bei der ACHEMA 2006 einen leichten Zuwachs von 1,6 Prozent verzeichnen: 3.880 Aussteller werden anwesend sein.

Das ist eine sehr erfreuliche Gesamtzahl. Sie darf aber nicht den Blick auf deutliche Verschiebungen verstellen. So ist vor allem aufgrund des erwähnten Konzentrationsprozesses die Zahl der deutschen Aussteller um 5,0 Prozent rückläufig. Der Anteil ausländischer Aussteller stieg dagegen in den letzten neun Jahren von 34,2 auf 44,4 Prozent; ihre Anzahl ist damit um 36 Prozent gestiegen. Diese offizielle Statistik zeigt aber noch nicht die ganze Wahrheit, denn viele ausländische Aussteller sind mit ihren in Deutschland ansässigen Tochterunternehmen oder Niederlassungen vertreten. Berücksichtigt man auch dies, so ergibt eine vorsichtige Schätzung einen Auslandsanteil der Aussteller von mindestens 51 Prozent.

Mit diesem dramatischen strukturellen Wandel spiegelt die ACHEMA auch die weltwirtschaftliche Entwicklung des letzten Jahrzehnts wider: Das Wachstum der Weltbevölkerung wird heute entscheidend vom asiatischen Raum geprägt. Das gilt nicht nur für die großen und bevölkerungsstarken Länder wie China und Indien, sondern auch für zahlreiche kleine aufstrebende Länder.

Rasante Verschiebungen in der Besiedlungsstruktur begleiten diesen Trend. Derzeit gibt es auf der Welt 39 Mega-Cities, also städtische Ballungsräume mit mehr als 5 Mio. Einwohnern. 23 dieser Mega-Cities liegen in Asien. Die asiatische Region, der Nahe und Mittlere Osten sowie einige Länder Osteuropas und Lateinamerikas weisen derzeit auch die größten Wachstumsraten der Wirtschaft auf. 76 Länder der Welt hatten 2005 ein Wirtschaftswachstum von mehr als 5 Prozent. Unter diesen 76 taucht kein nordamerikanisches Land auf und als einziges westeuropäisches Land Liechtenstein.

Noch liegt Deutschland im Bruttoinlandsprodukt hinter den USA und Japan auf Platz drei, gefolgt von Großbritannien, Frankreich und China. Nur noch 35 Prozent Rückstand trennen China von Deutschland. In vier bis fünf Jahren wird China gleichgezogen haben. In der Chemieproduktion lag Deutschland 2004 hinter USA und Japan ebenfalls auf Platz 3. Da belegte China mit nur noch 3,5 Prozent Rückstand bereits Platz vier.

Angesichts der Dynamik, die der asiatische Wirtschaftsraum entfaltet, gewinnt die AchemAsia immer mehr an Bedeutung. Die DECHEMA hatte dieses Forum im Jahr 1989 ins Leben gerufen – eine kluge Entscheidung. Die nächste AchemAsia öffnet genau in einem Jahr ihre Pforten. Meine Damen und Herren, sehen wir uns in Beijing? Ich würde mich freuen, möglichst viele von Ihnen dort begrüßen zu können.

Wir sollten die aufstrebenden Regionen aber nicht nur als neue Märkte betrachten. Eine Welt, in der wenige hoch industrialisierte und bevölkerungsarme Länder all das produzieren, was die bevölkerungsstarken, aufstrebenden Länder brauchen – eine solche Welt wird es nicht geben und sie hätte auch keine Aussicht auf Stabilität. Der zunehmend zu beobachtende Angleichungsprozeß in der regionalen Verteilung des Bevölkerungswachstums und des Wirtschaftswachstums ist die eigentliche innere Triebkraft der Globalisierung. Auch diesen Prozeß offenbart die von mir erwähnte Veränderung in der Statistik der ACHEMA. Zu dieser ACHEMA erwarten wir wieder knapp 200.000 Teilnehmer aus 100 Ländern der Welt. Die Zahl der Besucher aus den aufstrebenden Ländern wird dabei gewiß deutlich zunehmen.

Die weltweite Kooperation und das Engagement unserer Unternehmen im Ausland ist nicht nur eine Frage unseres eigenen Überlebens in einem sich wandelnden Umfeld, sondern es ist auch ein notwendiger Beitrag zur Stabilisierung der Welt. Dabei wird oft die Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, wenn wir mit unseren modernsten Technologien, die in punkto Umweltschutz und Sicherheitstechnik höchste Ansprüche erfüllen, ins Ausland gehen. Zwei Argumente werden oft für den Export eines technologisch reduzierten Standards ins Feld geführt. Das eine bezieht sich auf die hohen Kosten unserer perfektionierten Technik und damit auf deren Akzeptanz in diesen Ländern. Das zweite gilt dem Risiko eines Kopierens unserer Technik. Ich will auf beide Fragenkomplexe eine Antwort versuchen.

Wenn sich, wie beispielsweise in China, in veralteten Chemiebetrieben schwere Unfälle ereignen, dann wird dies dort schnell zu der Erkenntnis führen, daß der höhere Preis unserer umweltfreundlichen und sicheren Technik eine unverzichtbare Investition darstellt. Zu der gelegentlich anzutreffenden Angst vor dem Kopieren unserer Technik kann ich nur sagen: Wir werden nur dann auf Dauer ein begehrter Partner bleiben, wenn wir – nachdem eine Technologiegeneration nachgebaut wurde – bereits die nächste bessere, effizientere Technologie in der Pipeline haben. Die Innovationskraft ist damit der Dreh- und Angelpunkt für den künftigen wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. Sie entscheidet nicht zuletzt darüber, welche Sozialleistungen und Transferzahlungen wir künftig finanzieren können.

An dieser Stelle nochmals ein herzlicher Dank an Sie, Frau Bundesministerin Schavan, daß Sie heute zu uns gekommen sind und gleich zu uns sprechen werden. Die Erhaltung bzw. Stärkung der Innovationskraft – das wissen wir – ist auch ein zentrales Anliegen der Bundesregierung und insbesondere Ihres Hauses. Gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel haben Sie sich darauf festgelegt, am Ziel von Lissabon festzuhalten und die FuE-Aufwendungen auf 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben. Der Anteil der Wirtschaft am deutschen FuE-Aufkommen ist von früher 60 Prozent auf 70 Prozent im Jahr 2004 angestiegen. Entsprechend ist der Anteil des Staates zurückgegangen. Um dies zu korrigieren, will die Bundesregierung ihre FuE-Förderung in dieser Legislaturperiode um zusätzliche 6 Mrd. Euro anheben. Obwohl der relative Anteil der Wirtschaft am FuE-Aufwand unseres Landes gestiegen ist, wissen wir, daß wir in diesem Punkt noch nicht an der Weltspitze rangieren. Für die chemische Industrie, deren Produkte am Anfang fast aller Innovationsketten stehen, und die mit ihr verbundenen Ausrüsterbranchen, die auf der ACHEMA ausstellen, versichere ich Ihnen: Wir werden Sie mit unseren Forschungsanstrengungen bei der Erreichung des 3-Prozent-Zieles bestmöglich unterstützen.

Mit großer Zustimmung haben wir zur Kenntnis genommen, daß Sie die zusätzlichen 6 Mrd. Euro zu einer überproportionalen Erweiterung der Projektförderung nutzen wollen, weil dies eine höhere Flexibilität und größeren Nutzen verspricht. Bei der Umsetzung wird es darauf ankommen, die richtigen Prioritäten und Schwerpunkte zu setzen. Dabei wird Ihr Haus gut beraten sein, wenn es sich des externen Sachverstands in Wissenschaft und Wirtschaft bedient.

Auch hierfür, Frau Bundesministerin, sage ich Ihnen die volle Unterstützung der DECHEMA zu, die Ihrem Haus bereits durch eine jahrzehntelange enge Zusammenarbeit besonders verbunden ist. In der DECHEMA haben Sie einen Partner, der als gemeinnützige Fachgesellschaft nicht dem Verdacht des Lobbyismus ausgesetzt ist. Es gehört heute zum Allgemeingut, daß die innovationsträchtigen Arbeitsgebiete nicht mehr so sehr im Kern der klassischen Fachdisziplinen liegen, sondern weit mehr an deren Schnittstellen.

Sie, Frau Schavan, sind eine Politikerin, die dies nicht nur weiß, sondern die daraus auch die richtigen Konsequenzen gezogen hat. So haben Sie im März auf einer Veranstaltung in unserem DECHEMA-Haus heftige Kritik daran geübt, daß junge Menschen in Deutschland noch immer mit nur einer Naturwissenschaft das Abitur machen können. Als Kultusministerin in Baden-Württemberg haben Sie zwei Naturwissenschaften bis zum Abitur als Pflichtfach durchgesetzt. Wir wünschen Ihnen jetzt als Bundesbildungsministerin, daß es Ihnen – trotz der zusätzlichen Schwierigkeiten durch die Föderalismusreform – gelingen möge, solch dringende Reformen in ganz Deutschland durchzusetzen.

Bei der DECHEMA haben Sie mit solchen Gedanken tatsächlich ein Heimspiel, denn wir wurden 1926 als erste interdisziplinäre Fachgesellschaft gegründet. Genau dieser noch immer besonders innovationsträchtigen Schnittstelle von Natur- und Ingenieurwissenschaften fühlt sich die DECHEMA mit der ACHEMA auch heute noch besonders verpflichtet. Hier schließt sich der Kreis von der Bildungs- zur Forschungspolitik. In der DECHEMA finden Sie jene Fachkollegen, deren Hilfe Sie zur Aktivierung der interdisziplinären Potentiale für eine innovationsorientierte Forschungsförderung benötigen.

Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist dabei der Technologietransfer, zu dem auch die ACHEMA einen ganz erheblichen Beitrag als Katalysator leistet. So ermöglichen wir vielen Hochschulinstituten und staatlichen Forschungseinrichtungen eine kostenfreie oder vergünstigte Teilnahme als Aussteller – ohne hierfür staatliche Zuschüsse in Anspruch zu nehmen. Zahlreiche in unserer Ausstellungsgruppe „Forschung und Innovation“ präsentierten Ergebnisse der Forschungsförderung finden auf der ACHEMA industrielle Partner, die diese übernehmen, gemeinsam weiterentwickeln und in die Praxis überführen. Viele von den Instituten gezeigte Forschungsergebnisse sehen wir nicht selten schon auf der nächsten oder übernächsten ACHEMA auf den Ständen der ausstellenden Unternehmen als Neuentwicklungen wieder.

Bevor wir die Grußworte von Stadt und Land hören, habe ich für Sie, sehr geehrte Frau Dr. Roth und sehr geehrter Herr Rhiel, noch eine gute Botschaft, die ich Ihnen sehr gern überbringe. Noch rechtzeitig vor der Eröffnung dieser ACHEMA hat die DECHEMA mit der Messe Frankfurt einen neuen Rahmenvertrag für die nächsten drei ACHEMAs bis 2015 abgeschlossen, die demzufolge alle wieder in Frankfurt am Main stattfinden werden. Weil dies ohne journalistische Begleitung in aller Stille geschah – Sie werden wissen, worauf ich anspiele – wollte ich Ihnen diese gute Nachricht wenigstens heute öffentlich verkünden. Sie dürfen darin auch einen Beleg für die sehr faire und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Messe und uns sehen. Ihnen, Frau Oberbürgermeisterin, als Vorsitzende des Aufsichtsrates der Messe, aber auch deren Geschäftsführer, Herrn von Zitzewitz, möchten wir dafür ausdrücklich danken, und uns allen wünschen wir eine erfolgreiche Fortsetzung dieses seit 1937 bestehenden Bündnisses.

Meine Damen und Herren,
Hermann Hesse schreibt „und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Dies gilt auch für die 28. ACHEMA. Ihrem Start fiebern Aussteller, Standbesatzungen, Redner des Kongreßprogramms und viele, viele andere Beteiligte nach Monaten intensiver Vorbereitung entgegen. Auch ich blicke darauf voller Vorfreude und Spannung. Meine Damen und Herren, lassen Sie uns in den nächsten Tagen gemeinsam das Kapitel 2006 der ACHEMA-Erfolgsstory schreiben.

 

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