Presse-Information

Press release ¤ Information de presse

15.05.2006

ACHEMA-Fernsehpreis 2006

Rede anläßlich der Vergabe des ACHEMA-Fernsehpreises 2006

Es gilt das gesprochene Wort.

Professor Jens Weitkamp
Universität Stuttgart
Stellvertretender Vorsitzender der DECHEMA e.V.

Sehr geehrter Herr Dr. Reitze,
sehr geehrter Herr Moll,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

zunächst möchte ich mich bei Ihnen, Herr Dr. Reitze, ganz herzlich für Ihren engagierten Vortrag bedanken. Allein die Tatsache, daß wir überhaupt einen ACHEMA-Fernsehpreis an Journalisten vergeben, unterstreicht glaubwürdig, wie sehr auch uns – lassen Sie mich sagen: der unterhaltsame Bildungsauftrag des Fernsehens – von dem Sie gesprochen haben, am Herzen liegt. Es ist dieser Bildungsauftrag, der uns alle, Journalisten, Fernsehen, Wissenschaft und Technik, verbindet, weil er ein gemeinsamer Auftrag an uns alle ist.

In unserer mitunter auch seltsamen Medienwelt kann es gelegentlich ratsam sein, denkbaren Vorurteilen oder gar Vorverurteilungen gleich prohibitiv mit Vorab-Dementis zu begegnen. Deshalb möchte ich betonen, daß wir uns mit unserem ACHEMA-Fernsehpreis natürlich keine Hofberichterstattung erkaufen wollen. Nein, dieser Fernsehpreis ist ein äußeres Zeichen dafür, daß inzwischen auch wir in Wissenschaft und Technik unsere Lektion gelernt haben. Im kommunikativen Umgang mit der Öffentlichkeit sind wir ja keineswegs immer vorbildlich gewesen. Es bedurfte manch schmerzhafter Prozesse, bis wir gelernt haben, daß Politik und Öffentlichkeit ein Grundrecht auf Information darüber besitzen, was wir mit ihren Steuergeldern in der Wissenschaft zustandegebracht haben. Wir wissen inzwischen auch, daß unser akademischer Bildungsauftrag nicht an den Türen unserer Hörsäle endet. So ist es auch die Einsicht, daß wir für die Erfüllung unseres weiter gefaßten Bildungsauftrages kompetente Verbündete brauchen, die hinter der Existenz unseres Fernsehpreises steht.

Wissenschaft schafft Wissen, und Wissen verändert die Welt. Es sind genau diese Veränderungen, die eine breite und offene Kommunikation erzwingen, wenn die Veränderungen nicht als Vergewaltigungen empfunden werden sollen, sondern wenn sie von Akzeptanz getragen werden sollen. Akzeptanz kann nicht angeordnet werden. Sie entsteht nur durch Wissen und freie Entscheidung der Betroffenen. So verändert eben keineswegs jedes Wissen die Welt, sondern neues Wissen schafft nur neue Optionen zur Veränderung der Welt, unter denen wir als vernünftig agierende Gemeinschaft auswählen müssen, welche Entwicklung wir wünschen und welche nicht.

Gerade der heute auszuzeichnende Film „Der Sprit, der niemals ausgeht“ zeigt sehr deutlich, daß Wissenschaft und Technik neue Handlungsspielräume eröffnen, daß sie neue Optionen erschließen. Die Frage, welche Optionen verwirklicht werden, kann aber nicht mehr allein von Wissenschaftlern und Technikern entschieden werden. Dazu bedarf es eines breiten gesellschaftlichen Konsenses, einer wohl dosierten und aufeinander abgestimmten Mischung aus dem Willen der Gesellschaft, aus den Möglichkeiten der Politik und aus den Kräften der Wirtschaft.

Der Film, den Sie nach der Preisverleihung sehen werden, zeigt Optionen auf. Wer nicht auf Dauer beliebig steigende Ölpreise nur passiv hinnehmen will, der muß sich mit diesen Optionen beschäftigen. Möglichst vielen Menschen solche Handlungsalternativen anschaulich so nahezubringen, daß sie einen gesellschaftlichen Druck zu ihrer Verwirklichung erzeugen, das kann eben ein solcher Film im Fernsehen besser als wir Professoren es in unseren Hörsälen können. In diesem Sinne echten Fortschritt zu fördern, das eben ist der eigentliche Zweck dieses Fernsehpreises.

Der Film zeigt sehr anschaulich, wie wir von steigenden Ölpreisen zu Innovationen geradezu getrieben werden. Im Mittelpunkt stehen nachwachsende Rohstoffe, also Biomasse, als Alternative zur unseren konventionellen Energierohstoffen Öl, Gas und Kohle. Der Bogen ist weit gespannt – er reicht vom Bio-Ethanol über Bio-Diesel bis hin zur Totalvergasung von Biomasse und der Produktion synthetischer Treibstoffe. Der Film zeigt auch, daß wir mit alternativen Rohstoffen in ein kompliziertes System eingreifen, was Konsequenzen hat bis hin zum Motorenbau.

Es fügt sich gut, daß gerade die DECHEMA sich in letzter Zeit intensiv mit solchen Fragen beschäftigt hat. Nachwachsende Rohstoffe, nicht nur für den Energiesektor sondern auch für die Chemische Industrie, sind ein zentrales Thema für eine nachhaltige Entwicklung in der Zukunft. Auch auf dieser ACHEMA gibt es hierzu viele Vorträge, und morgen ist eine Podiumsdiskussion dieser Herausforderung gewidmet. Manche Option, die der Film aufzeigt, wird hinsichtlich Energiebilanz und Wirtschaftlichkeit noch kritisch zu prüfen sein, manches muß noch verbessert werden, aber der Handlungsbedarf und die Richtung, in die wir gehen müssen, sind offenkundig.

Ich darf mich nun an Sie, Herr Moll, wenden. Unsere vom DECHEMA-Vorstand eingesetzte Jury für den ACHEMA-Fernsehpreis, hat sich unter mehr als 20 zum Teil sehr hervorragenden Beiträgen für Ihren Film „Der Sprit, der niemals ausgeht" entschieden, der in der Reihe „hitec“ von 3sat gesendet wurde. Vor dieser Entscheidung mußten wir jedoch zunächst ein für uns unerwartetes neues Problem lösen. Unter den vorgeschlagenen Beiträgen befanden sich nämlich zwei Filme, deren Autoren den ACHEMA-Fernsehpreis bereits bekommen hatten. Der andere Beitrag war ein Film von Udo Tschimmel, der zusammen mit Heinz von Matthey den ACHEMA-Fernsehpreis 2000 für den Film „Pflanzen der Zukunft“ erhalten hatte. Sie, Herr Moll, bekamen den ACHEMA-Fernsehpreis 2003 für Ihren Film „Moderne Alchemie – Werkstoffe der Zukunft“. Das allein wäre noch kein Problem gewesen, aber die Jury war einhellig der Meinung, daß gerade Ihre beiden neuen Filme von allen vorgeschlagenen die besten waren. Unsere wissenschaftlichen Preise vergeben wir eigentlich nicht doppelt. Hilfreich war dann der Hinweis, daß gelegentlich sogar der Nobelpreis doppelt vergeben wurde. In der Filmbranche, das zeigen die Oscars, ist eine Mehrfachvergabe hingegen fast die Regel. So haben wir uns dann letztlich einstimmig für Sie, Herr Moll, entschieden, wozu ich Ihnen schon jetzt ganz herzlich gratuliere.

Sie wurden 1964 in Bielefeld geboren. An der TU Berlin haben Sie Technischen Umweltschutz studiert und Ihr Studium 1993 als Dipl.-Ing. abgeschlossen. Schon während Ihres Studiums haben Sie Praktika in der Wissenschaftsredaktion des Deutschlandsenders Kultur und in der Umweltredaktion des ORB-Fernsehens absolviert und damit schon die Richtung Ihrer späteren Karriere definiert. Sie sind freier Wissenschaftsjournalist und sowohl für verschiedene Rundfunksender als auch für zahlreiche Fernsehsender tätig. Rundfunkbeiträge, Hörspiele, über 200 Magazinbeiträge und zahlreiche halbstündige Features für Fernseh-Wissenschaftsreihen bilden in einem imponierenden Umfang das, was wir als Wissenschaftler die Veröffentlichungsliste nennen. Sie sind aber nicht nur als Autor tätig gewesen, sondern haben bei verschiedenen Dokumentationen auch Regie geführt. Seit 2002 produzieren Sie auch Filmbeiträge für die Max-Planck-Gesellschaft. In den Jahren 1997, 1998 und 2001 erhielten Sie jeweils für einen wissenschaftlich-technischen Film den Deutschen Wirtschaftsfilmpreis. 2002 haben Sie Ihren ersten Filmpreis im Ausland, in Bratislava erhalten.

Neben dem Scheck in Höhe von 10.000 €, der ebenfalls zu diesem Preis gehört, haben wir zur sichtbaren Erinnerung auch einen kleinen Pokal geschaffen. Er zeigt in einer für einen Medienpreis nicht unangemessenen leichten künstlerischen Verfremdung die unserem Logo entlehnten Symbole der DECHEMA und der ACHEMA. Der Erlenmeyerkolben weist auf die Chemie hin und besteht, wie es für die Chemische Technik naheliegt, aus Titan. Das im Ansatz erkennbare Zahnrad repräsentiert den Maschinen- und Apparatebau. Die Chemische Technik als Synthese aus Chemie und Maschinenbau ist eines der Kernarbeitsgebiete unserer Gesellschaft.

 

zurück zur Übersicht

© DECHEMA e.V. 1995-2020, Last update 25.07.2019

DECHEMA e.V.
Theodor-Heuss-Allee 25
60486 Frankfurt
Telefon (069) 7564-0
Telefax (069) 7564-201


Kontakt/Contact:
Dr. Kathrin Ruebberdt
Tel. +49 (0) 69 / 75 64 - 2 77
Fax +49 (0) 69 / 75 64 - 2 72
e-Mail:
Veranstaltungen
Jetzt Mitglied werden