Interview zum Innovationstag Prozess- und Anlagensicherheit - Transformation mitgestalten
Erstellt von Maike Andresen , 24.08.2026
Am Mittwoch, dem 04. November 2026, findet im DECHEMA-Haus in Frankfurt am Main der Innovationstag Prozess- und Anlagensicherheit statt. Das ganztägige Workshop-Format der DECHEMA bietet Raum, Impulse zu setzen, Vernetzung zu fördern und gemeinsam neue Aktivitäten und Kooperationen zu entwickeln.
Organisiert von der DECHEMA-Fachsektion Prozess- und Anlagensicherheit steht dabei der fachsektions- und disziplinübergreifende Austausch im Mittelpunkt: Ziel ist es, sich mit anderen Fachsektionen zu vernetzen, bestehende Kooperationen fortzusetzen oder neue anzustoßen und gemeinsam relevante Themen zu identifizieren.Die beiden Schwerpunkte sind der Nutzen und Bedarf sowie zukünftige Herausforderungen der Prozess- und Anlagensicherheit und Künstliche Intelligenz und Autonomie in der Prozess- und Anlagensicherheit.Beispiele können sicherheitstechnischen Anforderungen durch Transformationsprozesse, z. B. bei der Elektrifizierung industrieller Anlagen oder dem Einsatz von Wasserstoff und Ammoniak, oder Unterstützungsmöglichkeiten durch KI und autonome Systeme in der Prozess- und Anlagensicherheit sein.Wir sprechen im Interview mit dem Vorbereitungsteam des Innnovationstages:
- Margit Hahn, SYNEQT GmbH, Vorsitzende der DECHEMA-Fachsektion Prozess- und Anlagensicherheit
- Prof. Dr.-Ing. habil. Katharina Löwe, Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), stellvertretende Vorsitzende der DECHEMA-Fachsektion Prozess- und Anlagensicherheit
- Jan Weppelmann, Bayer AG, stellvertretender Vorsitzender der DECHEMA-Fachsektion Prozess- und Anlagensicherheit
- Matthias Rizzi, rhysafe AG, Vorstandsmitglied der DECHEMA-Fachsektion Prozess- und Anlagensicherheit
- Dr. Markus Gödde, BASF SE, Vorstandsmitglied der DECHEMA-Fachsektion Prozess- und Anlagensicherheit
.png)
Warum ist die Prozess- und Anlagensicherheit so wichtig für die gesamte Prozessindustrie?
Prozess- und Anlagensicherheit ist die Grundlage dafür, dass die Prozessindustrie ihre Aufgaben zuverlässig, verantwortungsvoll und zukunftsfähig erfüllen kann. Ob Chemie, Pharma, Kreislaufwirtschaft oder neue Technologien wie Wasserstoff: Innovationen können nur dann erfolgreich in die Praxis gebracht werden, wenn Sicherheit von Anfang an mitgedacht wird.
Dabei schützt Prozesssicherheit nicht nur Menschen, Umwelt und Anlagen. Sie schafft auch die Voraussetzung für stabile Produktion, wirtschaftlichen Betrieb und gesellschaftliche Akzeptanz. Denn Ereignisse in Anlagen kosten im Nachhinein häufig ein Vielfaches dessen, was eine vorausschauende Investition in Sicherheit erfordert hätte. Sie können darüber hinaus Vertrauen zerstören und die Akzeptanz neuer Technologien in Gesellschaft und Politik erheblich beeinträchtigen.
Genau deshalb ist Sicherheit kein zusätzlicher Schritt am Ende eines Projekts, sondern integraler Bestandteil jeder Innovation. Sie entsteht im engen Zusammenspiel mit Forschung, Verfahrenstechnik, Digitalisierung, Automatisierung, Instandhaltung und Nachhaltigkeit. Gerade in Zeiten technologischer Transformation gilt: Innovation braucht Sicherheit — sonst bleibt sie entweder riskant, teuer oder gesellschaftlich schwer vermittelbar.
Welche Herausforderungen und Entwicklungen sehen Sie in der Zukunft für die Branche?
Die Prozessindustrie befindet sich derzeit in einem der größten Veränderungsprozesse ihrer Geschichte. Energiewende, Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung und neue Technologien verändern Rohstoffe, Prozesse, Anlagen und Betriebsweisen grundlegend. Darüber hinaus nehmen die Herausforderungen durch externe Gefahren deutlich zu. Diese spannen sich auf von physischen und Cyber-Angriffen bis hin zu durch Umwelt und Klimawandel verursachten Gefahren, wie Hochwasser und Starkstürme. Hinzu kommt der zunehmende Einsatz Künstlicher Intelligenz, von dem erwartet wird, dass er Prozesse effizienter, schneller und wirtschaftlicher macht.
Damit entstehen aber auch neue Risikobilder. Bestehende Anlagen müssen angepasst, neue Technologien schneller in die Praxis überführt und bewährte Sicherheitskonzepte auf veränderte Rahmenbedingungen übertragen werden, und nicht zuletzt der Fokus auf Security intensiviert werden. Die Herausforderung besteht darin, potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und neue Entwicklungen sicher zu gestalten — ohne Innovation unnötig auszubremsen.
Diese Themen stellen den ersten Schwerpunkt des Innovationstages dar: Wofür braucht man die Prozess- und Anlagensicherheit? – Grundsatzfragen und zukünftige Herausforderungen.
Ein Beispiel für neue Herausforderungen ist die Verwendung von Wasserstoff als Energieträger: Die sicherheitstechnischen Grundlagen sind bekannt, müssen aber auf neue Anwendungen, Infrastrukturen und Betriebsweisen übertragen werden. Die gute Nachricht ist: Die Prozessindustrie verfügt über jahrzehntelange Erfahrung, fundiertes Expertenwissen und etablierte Methoden der Sicherheitsbewertung. Dieses Wissen bleibt unverzichtbar. Gerade weil die chemisch-verfahrenstechnischen und physikalischen Grundlagen vorhanden sind, kann es gezielt auf Transformationsthemen angewendet und gemeinsam mit anderen Disziplinen weiterentwickelt werden.
Viele Sicherheitsthemen sind im Kern auch Fragen einer vernünftigen Prozessauslegung und Anlagengestaltung. Wer Prozesse sinnvoll plant, schafft zugleich höhere Verfügbarkeit und einen großen Teil der Sicherheit. Deshalb ist die enge Kooperation zwischen Verfahrenstechnik, Betrieb, Digitalisierung, Automatisierung und Sicherheit so wichtig.
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde und gilt als Schlüsseltechnologie. Welche Rolle spielt sie im Kontext der Prozess- und Anlagensicherheit? Welche Chancen – aber auch welche Grenzen – sehen Sie für ihren Einsatz?
Künstliche Intelligenz bietet große Chancen für die Prozess- und Anlagensicherheit. Sie kann dabei helfen, große Datenmengen schneller auszuwerten, ungewöhnliche Anlagenzustände früher zu erkennen, Instandhaltung gezielter zu planen und Sicherheitsbewertungen effizienter und umfassender zu unterstützen. Richtig eingesetzt kann KI also dazu beitragen, Risiken früher sichtbar zu machen und Fachleute bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen.
Gerade in komplexen technischen Situationen kann dies von großem Nutzen sein: KI kann Zusammenhänge schneller aufzeigen, Erfahrungswissen leichter zugänglich machen, damit Lernprozesse beschleunigen und weniger erfahrene Mitarbeitende schneller an komplexe Fragestellungen heranführen. Das ist besonders relevant, weil in vielen Bereichen hochspezialisierte Expertinnen und Experten zwar weiterhin vorhanden sind, gleichzeitig aber der breite Erfahrungsaufbau im beruflichen Mittelbau unter Druck gerät. Hier kann KI eine Brücke schlagen.
Die Grenzen sind allerdings ebenso wichtig. KI kann unterstützen, analysieren, Hinweise geben und Entscheidungsprozesse vorbereiten, aber in sicherheitskritischen Anwendungen müssen Entscheidungen nachvollziehbar, validierbar und verantwortbar bleiben —Verantwortung im rechtlichen und fachlichen Sinn kann nur ein Mensch übernehmen. Deshalb muss klar definiert sein, wer entscheidet, wie Empfehlungen zustande kommen und welche Autonomie einem System überhaupt eingeräumt werden darf.
Für uns ist KI deshalb kein Ersatz für Sicherheitsexpertinnen und -experten, sondern ein leistungsfähiges Werkzeug, das Kompetenz, Erfahrung und Verantwortung ergänzt. Genau diese Chancen, Grenzen und ethischen Randbedingungen wollen wir beim Innovationstag unter dem zweiten Schwerpunktthema diskutieren:
Künstliche Intelligenz und Autonomie in der Prozess- und Anlagensicherheit.
Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für den Innovationstag Prozess- und Anlagensicherheit? Was können die Teilnehmenden erwarten und mitgestalten?
Selten zuvor haben sich Technologien, Prozesse und Anforderungen so schnell verändert wie heute, und die Geschwindigkeit der Entwicklungen nimmt weiter zu.
Genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Innovationstag Prozess- und Anlagensicherheit. Viele der aktuellen Herausforderungen lassen sich nicht mehr aus einer einzelnen Fachperspektive heraus lösen. Wir müssen Verfahrenstechnik, Anlagenbetrieb, Automatisierung, Digitalisierung, Datenwissenschaft, Sicherheitsbewertung, Forschung und Behörden stärker zusammenbringen. Nur so können neue Technologien ganzheitlich gedacht und sicher in die industrielle Praxis überführt werden.
Gleichzeitig liegt in dieser komplexen Gemengelage eine große Chance. Die Prozessindustrie verfügt bereits über etablierte Methoden, umfangreiche Erfahrung und viel Expertise. Was wir jetzt brauchen, ist der gemeinsame Blick über Disziplingrenzen hinweg — und auch der Mut, neue Lösungen umzusetzen.
Der Innovationstag bietet dafür die passende Plattform. Die Teilnehmenden erwartet ein offener Austausch über aktuelle Entwicklungen, konkrete Herausforderungen und mögliche Kooperationen. Sie können mitgestalten, welche Themen die Prozess- und Anlagensicherheit in den kommenden Jahren prägen sollen, wie diese andere Disziplinen unterstützen kann und welche Rahmenbedingungen, Grenzen und ethischen Leitplanken etwa beim Einsatz von KI erforderlich sind.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, bei dem der Austausch zwischen unterschiedlichen Disziplinen zu einer besseren Sicherheitslösung führt?
Wasserstoff bietet große Chancen für die Energiewende, stellt uns aber zugleich vor neue Anforderungen bei Erzeugung, Lagerung, Transport und Nutzung. Damit eine sichere und wirtschaftliche Nutzung im großtechnischen Bereich erfolgen kann, muss die vorhandene sicherheitstechnische Expertise mit den unterschiedlichsten relevanten Disziplinen zusammengeführt werden: Verfahrenstechnik, Werkstoffkunde, Explosionsschutz, Automatisierung, Betrieb, Instandhaltung und Sicherheit.
Gute Sicherheitskonzepte entstehen nicht dadurch, dass man ein System maximal absichert, ohne die praktische Umsetzung mitzudenken. Deshalb müssen Sicherheitsexpertinnen und -experten nicht nur Risiken bewerten, sondern auch technische, betriebliche und ökonomische Realitäten mitdenken. Gute Sicherheitslösungen entstehen dort, wo unterschiedliche Fachrichtungen ihre Perspektiven zusammenbringen, und gemeinsam praxistaugliche Lösungen entwickeln.
Wir freuen uns darauf, Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Disziplinen beim Innovationstag willkommen zu heißen.
Im Mittelpunkt steht der offene Austausch: über Erfahrungen, neue Ideen, konkrete Herausforderungen und mögliche gemeinsame Lösungen für die Prozess- und Anlagensicherheit. Genau darin liegt der Kern des Innovationstags: Er bietet eine Plattform, um Perspektiven zusammenzubringen, Diskussionen anzustoßen und Innovationen für eine sichere und zukunftsfähige Prozessindustrie voranzubringen. Prozess- und Anlagensicherheit lebt vom Dialog und vom Kooperieren — wir möchten alle Teilnehmenden ausdrücklich einladen, sich aktiv einzubringen.
Mehr erfahren über die Fachsektion:
Weitere Informationen und den Anmeldelink zum Innovationstag Prozess- und Anlagensicherheit finden Sie hier. Der Innovationstag ist eine kostenlose Veranstaltung für alle DECHEMA- und DECHEMA-Gremienmitglieder.Die DECHEMA-Fachsektion Prozess- und Anlagensicherheit ist die unabhängige Kompetenzplattform der Prozess- und Anlagensicherheit im deutschsprachigen Raum und eine von siebzehn Fachsektionen der DECHEMA. In dem Gremium kommen rund 600 Experten und Expertinnen aus Industrie, Institutionen, Wissenschaft und Behörden zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und Lösungen zu entwickeln, zu netzwerken und die Interessen der Prozess- und Anlagensicherheit zu vertreten, sowie andere Disziplinen zu unterstützen. Die neun Fachgruppen in der Fachsektion unterstützen dabei mit ihren Inhalten den gesamten Lebenszyklus einer Anlage sowie Innovationen aus sicherheitstechnischer Sicht und für ganzheitliche Lösungen.
Bildquelle: Bild mit KI-Unterstützung erstellt